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Peter Rosegger
"Peter, jetzt höre, was ich dir sage. Da nimm einen leeren Sack, denn du wirst was heimtragen. Da nimm meinen Stecken, denn es ist viel Schnee, und da nimm eine Laterne, denn der Pfad ist schlecht, und die Stege sind vereist. Du mußt hinabgehen nach Langenwang. Den Holzhändler Spreitzegger zu Langenwang, den kennst du, der ist mir noch immer das Geld schuldig, zwei Gulden und sechsunddreißig Kreuzer für den Lärchenbaum. Ich lass' ihn bitten drum; schön höflich anklopfen und den Hut abnehmen, wenn du in sein Zimmer trittst. Mit dem Geld gehest nachher zum Kaufmann Doppelreiter und kaufest zwei Maßel Semmelmehl und zwei Pfund Rindschmalz und um zwei Groschen Salz, und das tragst heim." Jetzt war aber auch meine Mutter
zugegen, ebenfalls schon angekleidet, während meine
sechs jüngeren Geschwister noch ringsum an der Wand in
ihren Bettchen schliefen. Die Mutter, die redete drein wie
folgt: Das war alles gut und recht. Den Sack band mein Vater mir um die Mitte, den Stecken nahm ich in die rechte Hand, die Laterne mit der frischen Unschlittkerze in die linke, und so ging ich davon, wie ich zu jener Zeit in Wintertagen oft davongegangen war. Der durch wenige Fußgänger ausgetretene Pfad war holperig im tiefen Schnee, und es ist nicht immer leicht, nach den Fußstapfen unserer Vorderen zu wandeln, wenn diese zu lange Beine gehabt haben. Noch nicht dreihundert Schritte war ich gegangen, so lag ich im Schnee, und die Laterne, hingeschleudert, war ausgelöscht. Ich suchte mich langsam zusammen, und dann schaute ich die wunderschöne Nacht an. Anfangs war sie ganz grausam finster, allmählich hub der Schnee an, weiß zu werden und die Bäume schwarz, und in der Höhe war helles Sterngefunkel. In den Schnee fallen kann man auch ohne Laterne, so stellte ich sie seithin unter einen Strauch, und ohne Licht ging' s nun besser als vorhin. In die Talschlucht kam ich hinab, das Wasser des Fresenbaches war eingedeckt mit glattem Eise, auf welchem, als ich über den Steg ging, die Sterne des Himmels gleichsam Schlittschuh liefen. Später war ein Berg zu übersteigen; auf dem Passe, genannt der "Höllkogel" , stieß ich zur wegsamen Bezirksstraße, die durch Wald und Wald hinabführt in das Mürztal. In diesem lag ein weites Meer von Nebel, in welches ich sachte hineinkam, und die feuchte Luft fing an, einen Geruch zu haben, sie roch nach Steinkohlen; und die Luft fing an, fernen Lärm an mein Ohr zu tragen, denn im Tal hämmerten die Eisenwerke, rollte manchmal ein Eisenbahnzug über dröhnende Brücken. Nach langer Wanderung ins Tal gekommen zur Landstraße, klingelte Schlittengeschelle, der Nebel ward grau und lichter, so daß ich die Fuhrwerke und Wandersleute, die für die Feiertage nach ihren Heimstätten reisten, schon auf kleine Strecken weit sehen konnte. Nachdem ich eine Stunde lang im Tale fortgegangen war, tauchte links an der Straße im Nebel ein dunkler Fleck auf, rechts auch einer, links mehrere, rechts eine ganze Reihe - das Dorf Langenwang. Alles, was Zeit hatte, ging der Kirche zu, denn der Heilige Abend ist voller Vorahnung und Gottesweihe. Bevor noch die Messe anfing, schritt der hager gebückte Schulmeister durch die Kirche, musterte die Andächtigen, als ob er jemanden suche. Endlich trat er an mich und fragte leise, ob ich ihm nicht die Orgel melken wolle, es sei der Mesnerbub krank. Voll Stolz und Freude, also zum Dienste des Herrn gewürdigt zu sein, ging ich mit ihm auf den Chor, um bei der heiligen Messe den Blasebalg der Orgel zu ziehen. Während ich die zwei langen Lederriemen abwechselnd aus dem Kasten zog, in welchen jeder derselben allemal wieder hineinkroch, orgelte der Schulmeister, und seine Tochter sang also: Wolken, regnet ihn herab! Also rief in bangen Nächten einst die Welt, ein weites Grab. In von Gott verhaßten Gründen herrschten Satan, Tod und Sünden, fest verschlossen war das Tor zu dem Himmelreich empor." Ferner erinnere ich mich, an jenem Morgen nach dem Gottesdienste in der dämmerigen Kirche vor ein Heiligenbild hingekniet zu sein und gebetet zu haben um Glück und Segen zur Erfüllung meiner bevorstehenden Aufgabe. Das Bild stellte die vierzehn Nothelfer dar - einer wird doch dabei sein, der zur Eintreibung von Schulden behilflich ist. Es schien mir aber, als schiebe während meines Gebetes auf dem Bilde einer sich sachte hinter den anderen zurück. Trotzdem ging ich guten Mutes hinaus
in den nebligen Tag, wo alles emsig war in der Vorbereitung
zum Feste, und ging dem Hause des Holzhändlers
Spreitzegger zu. Als ich daran war, zur vorderen Tür
hineinzugehen, wollte der alte Spreitzegger, soviel ich mir
später reimte, durch die hintere Tür entwischen.
Es wäre ihm gelungen, wenn mir nicht im Augenblick
geschwant hätte: Peter, geh nicht zur vorderen Tür
ins Haus wie ein Herr, sei demütig, geh zur hinteren
Tür hinein, wie es dem Waldbauernbuben geziemt. Und
knapp an der hinteren Türe trafen wir uns. "Mir ist nicht kalt" , antwortete
ich, "aber mein Vater läßt den Spreitzegger
schön grüßen und bitten ums Geld." Fast verschlug's mir die Rede, stand
doch unser ganzes Weihnachtsmahl in Gefahr vor solchem
Bescheid. Ich blieb aber nicht stehen, sondern
ging zum Kaufmann Doppelreiter. Dort begehrte ich ruhig und
gemessen, als ob nichts wäre, zwei Maßel
Semmelmehl, zwei Pfund Rindschmalz, um zwei Groschen Salz,
um einen Groschen Germ, um fünf Kreuzer Weinbeerln, um
fünf Groschen Zucker, um zwei Groschen Safran und um
zwei Kreuzer Neugewürz. Der Herr Doppelreiter bediente
mich selbst und machte mir alles hübsch zurecht in
Päckchen und Tütchen, die er dann mit Spagat
zusammen in ein einziges Paket band und an den Mehlsack so
hängte, daß ich das Ding über der Achsel
tragen konnte, vorne ein Bündel und hinten ein
Bündel. Als das geschehen war, fragte ich mit einer
nicht minder tückischen Ruhe als vorhin, was das alles
zusammen ausmache? "Na, nächst' Ostern, wenn die
Kohlenraitung ist." Nun mischte sich die Frau
Doppelreiterin, die andere Kunden bediente, drein und sagte:
"Laß ihm's nur, Mann, der Waldbauer hat schon
öfter auf Borg genommen und nachher allemal ordentlich
bezahlt. Laß ihm's nur." Nicht lange hernach, und ich trabte mit meinen Gütern reich und schwer bepackt durch die breite Dorfgasse dahin. Überall in den Häusern wurde gemetzgert, gebacken, gebraten, gekeltert; ich beneidete die Leute nicht, ich bedauerte sie vielmehr, daß sie nicht ich waren, der mit so großem Segen beladen gen Alpel zog. Das wird morgen ein Christtag werden! Denn die Mutter kann' s, wenn sie die Sachen hat. Ein Schwein ist ja auch geschlachtet worden daheim, das gibt Fleischbrühe mit Semmelbrocken, Speckfleck, Würste, Nierenlümperln, Knödelfleisch mit Kren, dann erst die Krapfen, die Zuckernudeln, das Schmalzkoch mit Weinbeerln und Safran! - Die Herrenleut da in Langenwang haben so was alle Tag, das ist nichts, aber wir haben es im Jahr einmal und kommen mit unverdorbenem Magen dazu, das ist was! - Und doch dachte ich auf diesem belasteten Freudenmarsch weniger noch ans Essen als an das liebe Christkind und sein hochheiliges Fest. Am Abend, wenn ich nach Hause komme, werde ich aus der Bibel davon vorlesen, die Mutter und die Magd Mirzel werden Weihnachtslieder singen; dann, wenn es zehn Uhr wird, werden wir uns aufmachen nach Sankt Kathrein und in der Kirche die feierliche Christmette begehen bei Glocken, Musik und unzähligen Lichtem. Und am Seitenaltar ist das Krippel aufgerichtet mit Ochs und Esel und den Hirten, und auf dem Berg die Stadt Bethlehem und darüber die Engel, singend: Ehre sei Gott in der Höhe! Diese Gedanken trugen mich anfangs wie Flügel. Doch als ich eine Weile die schlittenglatte Landstraße dahingegangen war, unter den Füßen knirschenden Schnee, mußte ich mein Doppelbündel schon einmal wechseln von einer Achsel auf die andere. In der Nähe des Wirtshauses "Zum Sprengzaun" kam mir etwas Vierspänniges entgegen. Ein leichtes Schlittlein mit vier feurigen, hochaufgefederten Rappen bespannt, auf dem Bock ein Kutscher mit glänzenden Knöpfen und einem Buttenhut. Der Kaiser? Nein, der Herr Wachtler vom Schlosse Hohenwang saß im Schlitten, über und über in Pelze gehüllt und eine Zigarre schmauchend. Ich blieb stehen, schaute dem blitzschnell vorüberrutschenden Zeug eine Weile nach und dachte: Etwas krumm ist es doch eingerichtet auf dieser Welt; da sitzt ein starker Mann drin und läßt sich hinziehen mit soviel überschüssiger Kraft, und ich vermag mein Bündel kaum zu schleppen. Mittlerweile war es Mittagszeit geworden. Durch den Nebel war die milchweiße Scheibe der Sonne zu sehen; sie war nicht hoch an dem Himmel hinaufgestiegen, denn um vier Uhr wollte sie ja wieder unten sein, zur langen Christnacht. Ich fühlte in den Beinen manchmal so ein heißes Prickeln, das bis in die Brust heraufstieg, es zitterten mir die Glieder. Nicht weit von der Stelle, wo der Weg nach Alpel abzweigt, stand ein Kreuz mit dem lebensgroßen Bilde des Heilands. Es stand, wie es heute noch steht, an seinem Fuß Johannes und Magdalena, das Ganze mit einem Bretterverschlag verwahrt, so daß es wie eine Kapelle war. Vor dem Kreuze auf die Bank, die für kniende Beter bestimmt ist, setzte ich mich nieder, um Mittag zu halten. Eine Semmel, die gehörte mir, meine Neigung zu ihr war so groß, daß ich sie am liebsten in wenigen Bissen verschluckt hätte. Allein, das schnelle Schlucken ist nicht gesund, das wußte ich von anderen Leuten, und das langsame Essen macht einen längeren Genuß, das wußte ich schon von mir selber. Also beschloß ich, die Semmel recht gemächlich und bedächtig zu genießen und dazwischen manchmal eine gedörrte Zwetschge zu naschen. Es war eine sehr köstliche Mahlzeit; wenn ich heute etwas recht Gutes haben will, das kostet außerordentliche Anstrengungen aller Art; ach, wenn man nie und nie einen Mangel zu leiden hat, wie ist man da arm! Und wie war ich so reich damals, als ich arm war! Als ich nach der Mahlzeit mein Doppelbündel wieder auflud, war' s ein Spaß mit ihm, flink ging es voran. Als ich später in die Bergwälder hinaufkam, und der graue Nebel dicht in den schneebeschwerten Bäumen hing, dachte ich an den Grabler Hansel. Das war ein Kohlenführer, der täglich von Alpel seine Fuhre ins Mürztal lieferte. Wenn er auch heute gefahren wäre! Und wenn er jetzt heimwärts mit dem leeren Schlitten des Weges käme und mir das Bündel auflüde! Und am Ende gar mich selber! Daß es so heiß sein kann im Winter! Mitten in Schnee und Eisschollen schwitzen! Doch morgen wird alle Mühsal vergessen sein. Derlei Gedanken und Vorstellungen verkürzten mir unterwegs die Zeit. Auf einmal roch ich starken
Tabakrauch. Knapp hinter mir ging ganz leise auftretend -
der grüne Kilian. Der Kilian war früher einige
Zeit lang Forstgehilfe in den gewerkschaftlichen Waldungen
gewesen, jetzt war er's nicht mehr, wohnte mit seiner
Familie in einer Hütte drüben in der Fischbacher
Gegend, wußte nicht recht, was er trieb. Nun ging er
nach Hause. Er hatte einen Korb auf dem Rücken, an dem
er nicht schwer zu tragen schien, sein Gewand war noch ein
jägermäßiges, aber hübsch abgetragen,
und sein schwarzer Vollbart ließ nicht viel sehen von
seinem etwas fahlen Gesichte. Als ich ihn bemerkt hatte,
nahm er die Pfeife aus dem Mund, lachte laut und sagte: "Wo
schiebst denn hin, Bub?" Damit war ich einverstanden, und
während mein Bündel in seinen Korb sank, dachte
ich: Der grüne Kilian ist halt doch ein besserer
Mensch, als man sagt. Dann rückten wir wieder an, ich
huschte frei und leicht neben ihm her. "Jaja, die
Weihnachten!" sagte der Kilian pfauchend. "Da geht's halt
drunter und drüber. Da reden sich die Leute in eine
Aufregung und Frömmigkeit hinein, die gar nicht wahr
ist. Im Grunde ist der Christtag wie jeder andere Tag, nicht
ein Knopf anders. Der Reiche, ja, der hat jeden Tag
Christtag, unsereiner hat jeden Tag Karfreitag." Mir kam sein Reden etwas
heidentümlich vor. Doch was er noch weiters sagte, das
verstand ich nicht mehr; denn er hatte angefangen, sehr
heftig zu gehen, und ich konnte nicht recht nachkommen. Ich
rutschte auf dem glitschigen Schnee mit jedem Schritt ein
Stückchen zurück, der Kilian hatte Fußeisen
angeschnallt, hatte lange Beine, war nicht abgemattet - da
ging' s freilich voran. Ich hub an zu laufen; im Angesichte der Gefahr war alle Müdigkeit dahin, ich lief wie ein Hündlein und kam ihm näher. Was wollte ich aber anfangen, wenn ich ihn eingeholt hätte, wenn ihm der Wille fehlte, die Sachen herzugeben, und mir die Kraft, sie zu nehmen? Das kann ein schönes Ende werden mit diesem Tage; denn die Sachen lasse ich nicht im Stich, und sollte ich ihm nachlaufen müssen bis hinter den Fischbacher Wald zu seiner Hütte! Als wir denn beide so
merkwürdig schnell vorwärtskamen, holten wir ein
Schlittengespann ein, das vor uns mit zwei grauen Ochsen und
einem schwarzen Kohlenführer langsam des Weges schliff.
Der Grabler Hansel. Mein grüner Kilian wollte schon an
dem Gespann vorüberhuschen, da schrie ich von hinten
her aus Leibeskräften: "Hansel! Hansel! Sei so gut, leg
mir meine Christtagssachen auf den Schlitten, der Kilian hat
sie im Korb, und er soll sie dir geben!" Der Hansel rückte das
Bündel zurecht und fragte, ob man sich daraufsetzen
dürfe. Das bat ich nicht zu tun. So tat er's auch
nicht, wir setzten uns hübsch nebeneinander auf den
Schlitten, und ich hielt auf dem Schoß sorgfältig
mit beiden Händen die Sachen für den Christtag. So
kamen wir endlich nach Alpel. Als wir zur ersten
Fresenbrücke gekommen waren, sagte der Hansel zu den
Ochsen: "Oha!" und zu mir: "So!" Zur Zeit, da ich mit meiner Last den
steilen Berg hinanstieg gegen mein Vaterhaus, begann es zu
dämmern und zu schneien. Und zuletzt war ich doch
daheim. Aber siehe, während des Essens
geht es zu Ende mit meiner Erinnerung.
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