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Gerhard Kamin Es war im letzten Jahr an einem kalten Dezembertag in der Adventszeit. Ich ging durch die verschneiten Straßen, kam an einem Verkaufsstand für Weihnachtsbäume vorbei und sah im Licht einer Laterne ein Mütterchen mit einem winzigen Baum am Straßenrand stehen. Es blickte ängstlich auf die vorbeifahrenden Autos und konnte sich nicht entschließen, die Straße zu überqueren. "Versuchen Sie es mit mir", bat ich sie so unaufdringlich wie möglich und reichte ihr den Arm. Es muß merkwürdig ausgesehen haben, wie wir beide - ich mit dem ausgestreckten Arm, sie mit den stolpernden Schritten und dem hin- und herschwankenden Bäumchen durch die dicht aufgefahrene Kolonne von Wagen hinübergingen. Natürlich fragte ich, wohin sie wolle und ob es ihr recht sei, wenn ich sie ein Stück wenigstens begleite. Wir standen im Licht vieler Lampen.
Sie sah unsicher zu mir auf und sagte ängstlich: Sie hustete, wandte ihr Gesicht weg und drückte das Bäumchen - als wollte sie sich versichern, daß sie es bei sich hatte - fest an sich. "Geben Sie nur her", bat ich und versuchte, es ihr aus der Hand zu nehmen. "Nicht doch", wehrte sie. "Was wollen Sie?" "Die Hospitalstraße ist drüben. Sie sind verkehrt gegangen. Wir müssen zurück." Sie schüttelte ungläubig den Kopf. "Zurück?" fragte sie, "wie soll ich ..." "Es macht nichts. Ich bringe Sie hin. Sie müssen mir nur wieder die Hand geben." Sie hatte nur langsam nachgegeben und es zugelassen, daß ich den Baum trug. Auch als wir drüben waren, ließ sie meinen Arm nicht los. Ich kannte das Altersheim genau. Wir traten durch die Kapelle in den endlos langen Seitengang mit den winzigen Holzbaracken links und rechts. "Hundertachtundvierzig", sagte sie leise. Als wir vor ihrer Baracke waren, schien sie ratlos. Sie begann mit den Händen ihren Mantel abzutasten und zu suchen. "Warten Sie", sagte ich und griff in ihre Manteltasche. "Hier ist er." Sie sah mich verständnislos an und sah zu, wie ich den Schlüssel in die Tür steckte. Ich schloß auf, machte Licht und legte den winzigen Tannenbaum auf den Tisch. Das Gehen hatte sie angestrengt, im Licht sah ich ihr runzeliges, eingefallenes und wachsbleiches Gesicht. "Kommen Sie", sagte ich, faßte sie wie eine Puppe mit beiden Armen und trug sie hinein. Ich setzte sie auf das schmale Sofa und wartete. Langsam öffnete sie die Augen, blickte mich an und blinzelte mir zu. "Das Bäumchen", hauchte sie,
"unser Bäumchen..." An das folgende erinnere ich mich undeutlich. Ich hatte Leute herübergeholt, Nachbarn. Sie klagten und taten das ihre. Ich stand dabei und sah zu. Oder vielmehr: Ich sah ein Bild an der Wand. Es war eine Fotografie der Schloßkirche in Königsberg. "Ja", sagte einer, "sie stammte aus Königsberg. Sie wollte die Weihnachtsmusik der Bläser hören. Den ganzen Tag. Wie in der Heimat. Sie hatte immerzu davon phantasiert. " Zu ihrem Begräbnis kam ich wieder. Ich sprach mit dem Pfarrer und bat ihn, man möchte ihr das Bäumchen ins Grab mitgeben. Der Pfarrer bat mich, es selbst zu tun. Ich stand als Fremder unter den wenigen am Grabe. Man hatte mir von ihrem Leben erzählt. Von dem Mann, der in der Heimat gestorben, von dem Sohn, der vermißt war. Ich sah in die Gruft und ließ das Tannengrün aus meiner Hand gleiten. "Das Bäumchen", hörte ich sie sprechen. "Unser Bäumchen..." Sie hatte es heimgebracht für die Ihren. Sie nahm es jetzt für sie mit.
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