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F.M. Dostojewski Es war am frühen Morgen. In einem feuchten, kalten Kellerloch erwachte er. Sein Röcklein war dünn, er zitterte vor Kälte; in der Ecke auf dem Kasten sitzend, vergnügte er sich, aus Langeweile zuzusehen, wie der Atem aus dem Munde flog. Und er trat immer wieder an die Pritsche, auf der seine kranke Mutter lag; dünn wie ein Pfannkuchen war die Streu, statt des Kissens hatte sie unter ihrem Kopf irgendein Bündel. Welches Schicksal führte sie hierher? Wahrscheinlich war sie mit ihrem Knaben aus einer anderen Stadt gekommen und plötzlich erkrankt. . . Feiertag war vor der Tür, deshalb hatten sich die anderen Kellerbewohner entfernt. Zu trinken hatte er sich im Hausflur verschafft, aber nirgends konnte er ein Krustchen Brot finden. Er betastete das Gesicht der Mutter und wunderte sich, daß sie sich gar nicht regte und so kalt wie die Wand war. Wie kalt ist es hier, dachte er, indem seine Hand auf der Schulter der Toten ruhte. Dann hauchte er auf seine Finger, um sie zu erwärmen, und als er jetzt sein Mützchen auf der Pritsche fand, ging er tappend und leise aus dem Keller. Gott, was für eine Stadt! So etwas hatte er sein Lebtag nicht gesehen. Wie es hier durcheinanderschwirrt, Pferde, Wagen und Frost! Aus den Nüstern der gehetzten Pferde fliegt der Atem und gefriert in Ringeln; die Hufe schlagen durch den lockeren Schnee an die Steine. Und wieder eine Straße; ach, was für eine breite! Hier wird man gewiß zertreten. Wie sie alle schreien, laufen, fahren. .. und Licht, so viel Licht! Was ist das? Was für ein großes Glas! Und hinter dem Glas eine Stube! Und in der Stube ein Baum bis zur Decke - das ist ein Christbaum mit vielen goldenen Papierchen und Äpfeln! Und um den Christbaum liegen Püppchen und kleine Pferdchen. In der Stube laufen Kinder, geputzt, reinlich - und sie lachen und spielen und essen und trinken. Der arme Knabe sieht das alles und lacht. Jetzt aber fangen ihm die Zehen an den Füßen zu schmerzen an, und die Hände sind ganz rot geworden, die Finger biegen sich nicht mehr und schmerzen beim Bewegen. Da fängt der Knabe bitterlich zu weinen an und läuft weiter. Durch ein anderes Glas sieht er wieder eine Stube, mit Christbäumen ausgeschmückt; auf den Tischen liegen Kuchen allerlei Art, Mandelkuchen, rote, gelbe Kuchen; es sitzen da vier reichgeputzte Damen, jedem, der kommt, geben sie Kuchen, und die Tür geht fortwährend auf; es kommen von der Straße viele Herrschaften herein. Der Kleine schleicht sich an die Tür, öffnet die Stube. Hu! wie man ihn anschreit, ihm zuwinkt, daß er fortgehen soll. Eine der Damen tritt schnell an ihn heran, steckt ihm ein Kopekchen zu und macht die Tür zur Straße auf. Wie der Kleine erschrickt! Das Kopekchen rollt auf die Straße; er kann ja, um es zu halten, seine Finger nicht biegen. Schnell läuft er fort, wohin weiß er selbst nicht. Und er läuft, läuft und pustet in die Hände. Plötzlich scheint es ihm, als ob jemand von hinten an sein Röckchen greife, und da steht auf einmal ein großer, böser Bengel neben ihm, schlägt ihm auf den Kopf, reißt ihm die Mütze ab und stellt ihm ein Bein. Er fällt auf die Erde. Die Leute schreien auf. Und da erschrickt er, springt in die Höhe und läuft, läuft - wohin, weiß er selbst nicht - auf einen fremden Hof und verbirgt sich hinter dem Holz. Hier ist's dunkel, denkt er, hier findet man ihn nicht. Er kauert sich zusammen, vor Angst kann er kaum atmen. Auf einmal wird ihm so leicht, so wundersam leicht, Hände und Füße schmerzen nicht mehr, Wärme durchdringt seinen Körper, so warm fühlt er sich wie auf dem Ofen. Und jetzt wieder schauert er zusammen - er ist eingeschlafen. Wie gut es hier ist zu schlafen. Und im Traum wird es ihm, als singe über ihm seine Mutter ein Wiegenlied. Mütterchen, ich schlafe. Ach, es ist hier so gut zu schlafen. "Komm zu mir zum Christbaum, Knabe", sagt über ihm eine sanfte Stimme. Der Kleine denkt, seine Mutter rufe ihm zu, aber nein, sie ist es nicht. Jemand beugt sich zu ihm und umschlingt ihn in der Dunkelheit. Und was für ein Licht glänzt ihm entgegen; Oh, was für ein Christbaum! Aber nein, es ist kein Christbaum. Noch nie hat er solch einen Baum gesehen. Alles glänzt, alles blitzt, und ringsherum lauter Püppchen. Aber nein, das sind Knaben und Mädchen in lichten Gewändern, sie fliegen ihm zu, küssen ihn, nehmen ihn mit sich, und er selbst fliegt... Seine Mutter sieht ihn an und lächelt freudig. Mutter! Mutter! Ach, wie gut ist es hier, Mutter! Und wieder küssen ihn die Kinder. "Wer seid ihr, Knaben? Und wer seid ihr, Mädchen?" fragt er lächelnd. "Es ist Christi Weihnachtsbaum", antworten sie ihm. "An diesem Tag hat Christus immer einen Weihnachtsbaum für die Kinder, welche auf Erden keinen Baum haben." Und der Kleine hört, daß die Knaben und Mädchen solche Kinder gewesen sind wie er selbst. Und alle sind jetzt hier, alle sind jetzt Engel, alle beim Christ, der ihnen seine Hände entgegenhält, der sie und ihre armen Mütter segnet. |