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Rudolf Kreutzer Am Weihnachtsabend des Jahres 1917 lagen wir in den Stellungen am Maasbogen bei St. Mihiel. Am "Franzosenkopf" und am "Scharfen Eck", wie unser Abschnitt damals hieß, lagen wir kaum zwanzig Meter vor den französischen Gräben, und es gab auch Schnee in diesem Jahre, sehr viel Schnee sogar, mehr als ein französischer Winter eigentlich zu vergeben hatte. Wir hatten ein kleines Tannenbäumchen, ich weiß nicht mehr woher, vielleicht war es einem von uns aus der Heimat geschickt worden, das kleine, kaum spannenlange Tannenbäumchen, wir hatten es mit ein paar Lichtern besteckt und saßen nun zu dreien im Unterstand und starrten in den Glanz der Kerzen, ein Leutnant von der Maschinengewehrkompanie, den wir den langen Georg nannten, ein junger Fähnrich und ich. Auch eine Flasche alten Kognaks stand vor uns auf dem Tisch, und manchmal tranken wir auch daraus, aber wir taten es unlustig und ohne rechte Freude, es war keine Weihnachtsstimmung dabei, wir saßen stumm und nachdenklich da, und jeder hatte seine eigenen Erinnerungen, und dann stand als erster der lange Georg auf und sagte, man müßte im Kriege das Weihnachtsfest abschaffen, es sei da alles zu nahe aneinander, Feind und Tod und Weihnachtsbaumlicht, und er gehe jetzt, die Posten nachzusehen. Es dauerte nicht lange, da brach auch der Fähnrich auf, er habe die Ronde, sagte er, und man wisse nicht, was der Franzmann vorhabe, gerade heute in der Weihnacht, und dann saß nur mehr ich allein in dem Unterstand, bei der leise singenden Karbidlampe, bei dem mageren Tannenbäumchen, bei der fast noch vollen Flasche Kognak und wartete, ich wußte nicht auf was, auf irgendein Ereignis, auf etwas, das auf dem Wege war zu mir, auf ein Wunder vielleicht. Von den Kerzen tropfte das Wachs, sie brannten schon langsam zu Ende, es geschah nichts, kein Ereignis, kein Wunder, nur eine große Ratte sprang in der Ecke umher, aber dann hörte ich schwere Tritte die Stollentreppe herunterpoltern, und als ich horchend aufschaute, teilten sich plötzlich die Zeltbahnen, die den Eingang verhängten, und hindurch schob sich ein verwittertes, bärtiges Gesicht und blickt fragend auf mich herab. Eine riesenhafte Gestalt trat auf mich zu, ein fremder Landwehrmann in Helm und Mantel, der Tornister saß ihm hoch auf dem Rücken, und alles, was er an sich trug, sah an ihm aus wie eine Art von Spielzeug, so groß war er; in seinem Barte und in den buschigen weißen Brauen glitzerten ein paar zerfließende Schneeflocken, und ich starrte verwirrt in dieses Gesicht, das plötzlich aus Nacht und Dunkel zu mir herabgestiegen war, in dieses fremde, bartumwallte, auf irgendeine Weise gütige Gesicht, das aussah wie das eines Weihnachtsmannes in den Bilderbüchern der Kinder. Ob er hier recht am Platze sei, fragte der Riese umherblickend, er suche den Infanteristen Niederreither. Alois Niederreither von der zweiten Kompanie. Er sei wohl richtig hier, erwiderte ich, und die Landwehr möge es sich nur bequem machen bei uns, aber der Kriegsfreiwillige Niederreither, der sei heute nicht hier vorne in der Stellung, der sei bis morgen früh beurlaubt nach St. Beneit, wo sein Vater im Quartier liege. Eine Weile starrte der Bärtige wie erschrocken vor sich hin, dann ließ er langsam den Kopf sinken. Er sei der Vater des Kriegsfreiwilligen Niederreither, sagte er mit tonloser Stimme, er habe Erlaubnis erhalten, seinen Sohn aufzusuchen, seit fünf Stunden sei er durch Nacht und Schnee auf dem Wege zur Front, und nun seien sie aneinander vorbeigegangen. Ich goß ihm den Feldbecher mit Kognak voll und stellte die Weihnachtspakete mit Eßwaren, die ich erhalten hatte, vor ihm auf, und dann saßen wir uns schweigend gegenüber, und indes der Landser ruhig aß und trank und nur manchmal ein wenig den Blick hob, betrachtete ich ihn lange und fühlte mich auf eine mächtige und geheimnisvolle Weise zu ihm hingezogen, wie zu einem Vater, und es war mir, als sei nun doch einer auf dem Wege zu mir gewesen, um die Botschaft der Weihnacht zu bringen. Wie sich der Junge denn mache und wie es ihm gehe? fragte der Fremde und griff nach dem Becher mit dem Kognak, er habe ihn seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Oh, er mache sich famos, beeilte ich mich zu erwidern, froh, ihm eine Freude zu bereiten, es sei ein tüchtiges, anstelliges Kerlchen, unser Freiwilliger Niederreither, gewiß, das müße man sagen, und auch der Häuptling halte große Stücke auf ihn. Ein Lächeln blühte auf in dem bärtigen Gesicht. Eine herabgebrannte Kerze versengte knisternd ein Zweiglein des Tannenbäumchens. In dem engen Raume des Unterstandes duftete es plötzlich süß und stark, wie nach Wald. Wir saßen und schwiegen und blickten in das unruhige, flackernde Licht der Kerzen. Nach einer Weile hob der Landser nachdenklich den Blick: Im Walde hinter Vigneulles, bei der verfallenen Mühle, sei einer im Dunkel an ihm vorübergegangen, er habe ihm eine gute Nacht gewünscht mit einer hellen und fröhlichen Stimme. Das müsse er gewesen sein. Ein seltsam wärmendes Gefühl der Liebe stieg plötzlich in mir auf. Ich griff nach der schwieligen Hand des Riesen, die breit und reglos vor mir auf dem kleinen Tische lag, und drückte sie fest. Gewiß sei er das gewesen, sagte ich, aber wenn sie auch aneinander vorbeigegangen wären, so sei der Junge jetzt schon bei den Landsern, und das seien brave und wackere Leute, und wie zu jenen ein Sohn, so sei zu mir ein Vater gekommen, und das wäre für mich das Wunder dieser Weihnacht. Die Kerzen waren zu Ende gebrannt. In dem kleinen Ofen sang und knisterte die rote Glut. Lange noch saßen wir schweigend. Plötzlich fühlte ich, wie er unruhig wurde. Er müsse jetzt aufbrechen, sagte er, auch sein Urlaub laufe am Morgen ab, er habe ein paar kleine Geschenke für den Sohn, die er dalassen wolle. Ich sah ihm zu, wie er die Sachen auf den Tisch legte, ein Paar wollene Socken, eine Schachtel Zigaretten, eine Büchse Ölsardinen, wie sie beim Marketender zu bekommen waren, ein silbernes Talerstück. Plötzlich wendete er sich zu mir, griff in die Tasche und zog ein blitzendes Ding hervor. Das sei für mich, sagte er und drückte es mir in die Hand, und da ich ihm dankte und verwundert herniederblickte, sah ich, daß es eine Mundharmonika war. Er schnallte sich das Lederzeug um, nahm den Tornister auf, und als er schon die Treppe emporstieg, überfiel mich auf einmal ein Gefühl wie von Angst, und ich rief ihm leise nach, er solle sich in acht nehmen, es sei eine mondhelle Nacht, und der Franzmann läge nur zwanzig Meter vor uns, aber da war er schon davon und in der Dunkelheit verschwunden. Eine Weile noch lauschte ich. Dann nahm ich die Mundharmonika vom Tisch und blies hinein. Sie gab einen dunkelschwingenden, zärtlich süßen Ton. Ich hatte nie in meinem Leben ein solches Instrument an die Lippen gesetzt. Aber jetzt blies ich auf einmal das Lied von der Weihnacht und es war, als hätte ich es immer schon gekonnt. |