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Gustav Freytag Weihnachten war nahe, und die Frauenwelt der Parkstraße fuhr in geheimnisvoller Tätigkeit umher. Der Verkehr mit guten Bekannten wurde unterbrochen, angefangene Bücher lagen im Winkel, und Theater wie Konzertsaal wiesen leere Plätze auf. Vom Morgen bis zum Abend flogen kleine Finger zwischen Perlen, Wolle, Seide, Pinsel und Palette umher, und der Tag wurde zu achtundvierzig Stunden ausgeweitet. Je näher das Fest rückte, desto zahlreicher wurden die Geheimnisse; in jedem Schrank steckten Dinge, die niemand sehen sollte, und von allen Seiten wurden Pakete in das Haus getragen, deren Berührung verpönt war. Auch für llse wurde in diesem Jahr das Fest eine große Angelegenheit; sie trug wie eine Biene zusammen, und nicht nur für die Lieben in der Heimat. Denn auch in der Stadt hatten sich viele große und kleine Kinder an ihr Herz genestelt. Als der Kammerherr einige Zeit vor dem Fest einen Besuch eines Prinzen bei dem neuen Rektor schicklich erachtete, fanden die Herren Ilse und Laura in eifriger Arbeit und den Salon der Frau Rektorin in eine große Marktbude verwandelt. Auf langen Tischen standen Weihnachtsbäumchen, und gefüllte Säcke lehnten ihren schweren Leib an die Tischbeine. Als Ilse den Herren entgegentrat und ihre Umgebung entschuldigte, bat der Kammerherr dringend, sich nicht stören zu lassen: "Wir dürfen nur hierbleiben, wenn wir das Recht erhalten, uns nützlich zu machen." Auch der Prinz sagte: "Ich bitte um die Erlaubnis zu helfen." "Das ist freundlich", versetzte Ilse, "denn bis zum Abend ist noch vieles zu verteilen. Erlauben Ew. Hoheit, daß ich Sie anstelle. Nehmen Sie den Sack mit Nüssen, Sie, Herr Kammerherr, haben die Güte, die Äpfel unter Ihre Obhut zu nehmen, du, Felix, erhältst den Pfefferkuchen. Und ich bitte die Herren, kleine Häufchen zu machen, zu jedem zwanzig Nüsse, sechs Äpfel und ein Paket Kuchen." Die Herren gingen mit Feuer an die Arbeit. Der Duft der Fichtennadeln und Äpfel erfüllte die Stube und zog wie eine Festahnung in die Seelen aller Anwesenden. Der Prinz sah auf den Kammerherrn. "Würden Sie uns erlauben", begann er zögernd, "auch etwas für die Bescherung zu kaufen?" "Sehr gern", erwiderte Ilse freudig. "Wenn Hoheit befehlen, kann unser Diener das sogleich besorgen. Er weiß Bescheid und ist zuverlässig." "Ich möchte selbst mit ihm gehen", sagte der Prinz. Der Kammerherr hörte verwundert auf diesen Einfall seines jungen Herrn, da der Einfall aber löblich und nicht gegen die Instruktion war, so lächelte er respektvoll. Gabriel wurde gerufen. Der Prinz ergriff seinen Hut. "Was wollen wir kaufen?" fragte er aufbrechend. "Kleine Wachsstöcke fehlen uns", versetzte Ilse, "dann Puppen, für die Knaben Bleisoldaten und für die Mädchen ein Kochgeschirr, aber alles hübsch handfest und sparsam." Nach einer Stunde kehrte der Prinz zurück, Gabriel mit hochbeladenem Korb, auch der Prinz trug unter beiden Armen Puppen und große Tüten mit Naschwerk. Als der junge Herr so belastet eintrat, mit geröteten Wangen, selbst glücklich wie ein Kind, sah er so gut und liebenswert aus, daß sich alle über ihn freuten. Emsig packte er seine Schätze vor der Frau Professorin aus und schüttelte zuletzt die Zuckertüten auf den Tisch. Als die Frauen den Ausputz der Fichtenbäumchen begannen, erklärte der Prinz, auch er werde dabei helfen. Er setzte sich vor die Untertasse mit Eiweiß, ließ sich die Handgriffe zeigen und wälzte die bestrichenen Früchte in Gold- und Silberblättchen. Ilse setzte als Preis für den Herrn, der am meisten und besten arbeiten würde, eine große Dame von Pfefferkuchen mit Reifrock und Glasaugen, und es entstand ein löblicher Wetteifer unter den Herren. Der Professor und der Kammerherr wußten alte Kunstfertigkeiten zu verwenden, der Prinz aber arbeitete als Neuling etwas liederlich, es blieben einzelne leere Stellen, und an anderen bauschte das Schaumgold. Zuletzt erhielt der Kammerherr die Dame im Reifrock und der Prinz als außerordentliche Belohnung für seine Strebsamkeit ein Wickelkind, das aber durch zwei Glaskorallen in die Welt starrte. Als der Erbprinz aufbrach, fragte der Professor: "Darf ich fragen, wo Ew. Hoheit den Weihnachtsabend verbringen?" "Wir bleiben hier", versetzte der Prinz. "Da seltene Musikaufführungen in Aussicht stehen", fügte der Kammerherr hinzu, "hat des Fürsten Hoheit auf die Freude verzichtet, den Prinzen zum Fest in seiner Nähe zu haben. Wir werden also stille Weihnacht im Quartier halten." "Wir wagen nicht einzuladen", fuhr der Professor fort, "falls aber Ew. Hoheit an diesem Abend nicht in anderer Gesellschaft verweilen, würde es uns eine große Freude sein, wenn die Herren bei uns vorlieb nähmen." Ilse sah dankbar auf den Gatten, und der Prinz überließ diesmal nicht dem Kammerherrn die Antwort, sondern nahm mit Wärme die Einladung an. Als er mit seinem Begleiter durch die Straße schritt, begann er vorsichtig: "Irgend etwas werden wir doch auch zu dem Weihnachtstisch beisteuern." "Ich habe soeben daran gedacht", versetzte der Kammerherr, "wie der Fürst eine Beisteuer meines gnädigsten Prinzen zu diesem Weihnachtsbaum auffassen wird." "Nur nichts von Broschen oder Ohrringen aus dem langweiligen Kasten des Hofjuweliers", rief der Prinz mit ungewohnter Energie, "es darf nur eine Kleinigkeit sein, am liebsten ein Scherz." "Das ist auch meine Ansicht", bestätigte der Kammerherr. "Aber es ist doch ratsam, den Entscheid dem durchlauchtigsten Herrn anheim zu geben." "Dann bleibe ich lieber zu Hause", versetzte der Prinz erbittert, "ich will nicht mit einem dummen Geschenk in der Hand eintreten. Läßt es sich nicht machen, daß der Besuch ganz zwanglos erscheint, wie es auch die Einladung war?" Der Kammerherr zuckte die Achsel. "Wenige Tage nach dem Fest wird der ganzen Stadt bekannt sein, daß Ew. Hoheit dem Professor Werner diese ungewöhnliche Ehre erwiesen haben. Hoheit wissen besser als ich, wie der Fürst eine solche Nachricht aufnehmen mag, die ihm zuerst von Fremden käme." Dem Prinzen war die Freude verdorben. "So schreiben Sie meinem Vater", rief er zornig, "aber stellen Sie die Einladung dar, wie sie vorgebracht wurde." Der Kammerherr versprach den Brief nach Wunsch einzurichten. Das versöhnte den Prinzen, und er begann nach einer Weile: "Ich habe mir ausgedacht, was wir geben dürfen. Auch Professorin ist vom Lande, ich schenke ihr als Attrappe die Maschine, die ich neulich gekauft habe, und lege hübsche Bonbons oder so etwas hinein." Jetzt will er die unnütze Spielerei wieder loswerden, dachte der Kammerherr. "Das geht unmöglich", erwiderte er laut. "Wenn auch die liebenswürdige Frau selbst nichts darin findet, in ihrem Kreise wird viel gesprochen werden, daß ein solcher Scherz von Ew. Hoheit gemacht ist, und man würde darin leicht eine ironische Anspielung auf ein gewisses ländliches Benehmen finden, welches der Dame unleugbar recht gut steht, aber doch hier und da Veranlassung zu leisem Lächeln sein kann." Dem Prinzen fror das Herz, er war wütend auf den Kammerherrn und erschrak auch wieder bei dem Gedanken, daß er Frau Ilse verletzen könnte. Auf den Brief des Kammerherrn kam die Antwort, daß der Fürst gegen einen gelegentlichen Besuch des Erbprinzen nichts einwenden wolle und daß, wenn eine Aufmerksamkeit überhaupt unvermeidlich sei, dieselbe von einem Gärtner und Konditor beschafft werden müsse. Als der Prinz zur geziemenden Stunde bei Werners eintrat, war die Bescherung vorüber, der Christbaum ausgelöscht. Ilse hatte das so gewollt, "es ist nicht nötig, daß die fremden Herrschaften sehen, wie wir uns über die Geschenke freuen." Der Prinz saß schweigend und zerstreut vor dem Teekessel. Ilse dachte: nun tut es weh, daß er keinen frohen Weihnachtsabend hat, das ärmste Kind ist lustig vor seinem Fichtenbäumchen, und er sitzt wie ausgeschlossen vor den Freuden der Christenheit. Sie winkte Laura und sagte dem Prinzen: "Wenn es Ew. Hoheit recht ist, so zünden wir die Lichter noch einmal an, und es wäre sehr gütig, wenn Hoheit uns helfen wollten." Das war dem Prinzen doch willkommen, und er ging mit den Frauen in das Weihnachtszimmer, wo er beim Anzünden der Lichter half. "Jetzt aber haben Hoheit die Güte hinauszugehen", sagte llse, "und wenn ich klingle, so gilt es Ihnen und Herrn v. Weidegg." Der Prinz ging hinaus, die Schelle ertönte. Als die Herren eintraten, fanden sie zwei kleine Tische gedeckt, darauf angezündete Bäumchen und unter jedem eine große Schüssel mit Backwerk und eine geräucherte Gänsebrust. "Das soll eine Erinnerung an unsere Heimat sein", sagte Ilse, "und dies, mein gnädigster Prinz, ist zur Erinnerung an mich ein kleines Modell von unserem Butterfaß, denn dabei habe ich als ein Kind vom Lande meine Hohe Schule durchgemacht, wie ich neulich Ew. Hoheit erzählte." Und auf dem Platze stand wohlbehäbig dies nützliche Werkzeug, aus Marzipan gefertigt. "Unten auf dem Boden habe ich Ew. Hoheit meine Sprüche von damals aufgeschrieben." Der Prinz las die anspruchslosen Worte: "Hat man sich mit einem rechte Mühe gegeben, so bleibt es Segen für das ganze Leben." Da bat er ohne Rücksicht auf die dräuenden Folgen seines Wagnisses: "Darf ich Ihnen einen Tausch vorschlagen? Ich habe auch eine kleine Buttermaschine gekauft, sie ist mit einem Rad und einer Scheibe zum Drehen, und man kann sich darin jeden Morgen seinen Bedarf selbst machen. Es wäre eine große Freude, wenn auch Sie diese annähmen." Ilse verneigte sich dankend, der Prinz bat, den Diener sogleich in sein Quartier zu senden. Während der Kammerherr noch erstaunt den Zusammenhang überdachte, wurde der Mechanismus in das Zimmer getragen. Der Prinz setzte ihn auf eine Ecke des Tisches, erklärte der Gesellschaft die innere Einrichtung und war sehr erfreut, als Ilse sagte, daß sie Zutrauen zu der Erfindung habe. Wieder wurde er das fröhliche Kind von neulich, trank lustig sein Glas Wein und brachte mit gefälligem Anstand die Gesundheit des Hausherrn und der Hausfrau aus. Und beim Abschied packte er sich selbst den Marzipan ein und trug ihn in der Tasche nach Hause. |