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Pritzkoleits Laden
Eine Weihnachtserinnerung

Annemarie Gregor

Wenn Totensonntag vorbei war, verwandelten sich die Schaufenster über Nacht: Jedes Jahr warteten wir Kinder schon ungeduldig darauf. Dann war es soweit; als wir morgens den Schulweg einschlugen, glitzerten in den Schaufenstern silberne Lamettafäden, goldene Engel und bunte Kugeln. Unsere Blicke versuchten diese verschwenderische Pracht zu erfassen; soviel Gold und Silber konnten selbst die mächtigsten Märchenkönige nicht besessen haben, und eine beklemmende Erregung erfaßte uns. Die Schularbeiten nötigten uns von Stund an eine geradezu peinvolle Konzentration ab, die aufzubringen uns von Tag zu Tag unmöglicher erschien. Hatten wir doch die stete Angst in diesen dunklen, geheimnisvollen Tagen, irgend etwas zu versäumen, was uns ermöglichte, einen Zipfel des überall ausgebreiteten Geheimnisses zu heben und etwas davon zu erhaschen.

Und dann liefen wir jeden Nachmittag los. Die alte Langgasse, die Hauptstraße unseres kleinen Städtchens entlang, wo die meisten Schaufenster waren, bis auf den Schloßplatz, auf dem der große Weihnachtsbaum stand. Er erschien uns jedes Jahr schöner, und wenn wir uns dicht vor ihn stellten und zu ihm aufblickten, glaubten wir, daß er überhaupt nicht zu Ende ginge und der Stern auf der Spitze schon zum Himmel gehöre. Vom Schloßplatz ab bog die Lindenstraße, und dort hatten wir, meine Schwester und ich, jeden Tag dasselbe Ziel. Die Geschäfte wurden hier spärlicher, und unter den letzten war "Pritzkoleits Laden".

Pritzkoleits Laden! Es wäre eigentlich nicht zu sagen, was das für ein Geschäft sein sollte: angefüllt mit Gerümpel und Schurrmurr, so meinten die Erwachsenen. Für uns aber war es der schönste Laden. Es gab dort "alles"und dieser Begriff umschloß für uns das Begehrenswerteste: von Stundenlutschern, Lakritzstangen bis zu Pantoffeln und bunten Töpfen.

Die letzten Meter bis zu dem kleinen Schaufenster legten wir im Eilschritt zurück, und dann standen wir davor. Ja, es war auch in Pritzkoleits kleinem Schaufenster Weihnachten geworden. Schimmerndes Engelshaar breitete sich über Pantoffeln, Töpfen und Zuckerzeug aus, und in der Mitte stand er, der große bleiche Engel: in Lebensgröße, zwei rote Bäckchen in dem Wachsgesicht, mit richtigen Flügeln und einem silbrigen Gewand! Eine goldene Schärpe hatte er um, von der er ein Ende in der Hand hielt. Stundenlang drückten wir uns an dem kleinen Fenster die Nasen platt, und manchmal öffnete sich die Tür, wenn wir schon sehr lange standen, und der alte Pritzkoleit steckte den Kopf heraus.

"Kinder", sagte er, "ihr werdet euch noch die Nasen erfrieren, hier, da ist doch etwas für euch abgegeben worden. . ." Er suchte in seinen Hosentaschen und kniff die Augen zu einem Spalt. "Ja, in welche Tasche habe ich es denn nun bloß getan?"

"In die linke!" riefen wir laut oder: "In die rechte!" Wir haben nie falsch geraten, denn jedesmal zog er die Hand aus der Hosentasche, und jedesmal lag für jeden von uns ein Zuckerkringel drin, manchmal sogar mit einem schimmernden Engelshaar umwoben. "Es wird eben Weihnachten", sagte er bedächtig und verschwand, mit dem Kopf nickend, im Laden, und dort stand er dann hinter seinem Ladentisch dicht neben dem großen Engel. Wir blieben so lange vor dem Schaufenster stehen, bis es uns zum Abendessen nach Hause trieb.

Pritzkoleits großer Engel war in unseren Gedanken zum Mittelpunkt geworden. Wir beschäftigten uns in jeder freien Minute mit ihm, und dann faßten wir einen Entschluß. Wir wollten ihn kaufen, es erschien uns plötzlich so selbstverständlich, und wir wunderten uns, daß wir nicht schon eher auf diesen Gedanken gekommen waren.

Am nächsten Tag eilten wir schon früher als sonst zu Pritzkoleits Laden. Jeder von uns hatte seine kleine Barschaft, die fast 3,50 Mark betrug, mitgenommen. Wir hatten zu Hause unsere Sparbüchsen geleert, und wenn wir unsere Beträge nun addierten, so kamen wir zu dem Vermögen von sieben Mark. Für diese Summe würde uns der alte Herr Pritzkoleit den Engel bestimmt überlassen; wir waren davon überzeugt, und im stillen rechneten wir damit, daß er wahrscheinlich gar nicht so teuer war, und vielleicht konnte man obendrein noch andere Einkäufe tätigen, zum Beispiel kleine Weihnachtsgeschenke für die Eltern, wofür das Geld ja ursprünglich gedacht war. Wir würden ihnen eben nicht einzeln, sondern gemeinsam ein Geschenk kaufen, und außerdem wäre der Engel ja da, den könnten die Eltern sich immer ansehen.

Fest das Geld in den Händen haltend, betraten wir den Laden. Der alte Pritzkoleit nickte uns zu. "Na, Kinder, was gibt's denn?" fragte er. Wir trugen ihm unser Anliegen vor, vielmehr mußte ich es tun, ich war die Ältere. Plötzlich fühlte ich mich gar nicht mehr so sicher. Der Engel ist bestimmt doch teuer, dachte ich, denn der alte Pritzkoleit war mit einem Mal sehr ernst geworden und kniff die Augen zu einem Spalt, so wie er es sonst nur tat, wenn er in seine Tasche griff und nicht wußte, ob es die linke oder die rechte war. "Ja", sagte er, nachdem er uns angeschaut hatte. "Der Engel, den ihr haben wollt, der ist nicht zu verkaufen! Das ist ein besonderer Engel. Der gehört gar nicht mir, der Engel. Wenn ich ihn jetzt verkaufen würde, könntet nur ihr ihn sehen, und die anderen Kinder kämen jeden Nachmittag vergeblich zum Schaufenster." Er wiegte bedächtig seinen Kopf und blickte uns traurig an. "Das ist nun mal so mit dem Engel, Kinder", sagte er noch, "es ist ein besonderer!"

Dann aber lächelte er wieder, kniff die Augen zu einem Schlitz und griff in die Hosentaschen. "Ja, in welcher Tasche habe ich. . .?" murmelte er. Beschämt steckten wir jeder unseren Zuckerkringel ein und verabschiedeten uns.

Wir standen noch lange vor dem Schaufenster und dem großen Engel, bis es beinahe wieder zu spät fürs Abendessen wurde. Wir liefen jeden Nachmittag zu Pritzkoleits Laden und dem großen Engel mit den beiden roten Bäckchen und der goldenen Schärpe. Keiner der vielen goldenen Engel, die in den Schaufenstern der Langgasse standen, zog uns so an und erschien uns so begehrenswert, wie der große, der besondere in Pritzkoleits Laden, der Unverkäufliche.