|
Heinz Steguweit Weiß nicht, ob es anderswo auch üblich war: In meiner Knabenzeit pflegten die Schüler ihrem Lehrer um die Weihnachtszeit einen großen Mann aus Printenkuchen zu schenken. Die Augen waren aus Mandeln, die Litzen aus Zuckerguß, die Knöpfe aus duftenden Rosinen. Dieser flach gebackene Printenmann wurde vom Bäcker nur auf einem Brett verkauft, fest ans Holz gebunden, verziert mit farbigen Bändern. Auch wir Zwölfjährigen, wohl fünfzig an der Zahl, legten einen Groschen zum andern, sammelten und rechneten, bis die Summe für den weihnachtlichen Printenmann beisammen schien. Dann schworen wir, denjenigen Kameraden nicht zu verraten, der arm war von Hause aus und darum keinen Groschen gegeben hatte. Unser Lehrer, Andreas Pollinger hieß er, längst ist er tot, war ein guter Mensch. Bei zehn halben Fehlern - es gab nur halbe Fehler bei Pollinger - schrieb er noch "genügend" ins Heft, und wenn es regnete, nahm er soviele Schüler unter seinen Schirm, bis er selber naß wurde wie ein Pudel. Das Geheimnis der Güte dieses Mannes ist schnell erklärt: Er war Witwer und hatte fünf kleine Kinder! - Wir alle wußten: Fünf Kindlein und nur wenig Geld im Monat, das häuft die Sorgen hoch auf, das macht still und scheu - der Lehrer Andreas Pollinger verdiente schon den Printenkuchen auf dem Brett voller Bänder und Schleifen. Also kam der letzte Tag vor den Weihnachtsferien. Also stand der Printenkuchenmann in Lebensgröße an der Tafel, während rundum in sorgfältiger Kreideschrift zu lesen war: Frohe Weihnachten, Herr Pollinger! Wir konnten den Augenblick nicht abwarten, da der Lehrer ins Zimmer trat, ein Buch in der Faust, eine Brille auf der Nase. Wir glühten, wir schrien durcheinander, fünf kleine Kinder hatte der Witwer... Er kam. Mit Brille und Buch. Alles verstummte, jeder stand, einer Säule gleich, in der Bank: "Guten Morgen, Herr Lehrer!" Pollinger hielt inne. "Setzt euch!" sagte er, mit dem einen Auge den Printenmann betrachtend, mit dem andern nach der Inschrift blickend, die auf der Tafel geschrieben stand: "Da habt ihr mir aber eine große Freude gemacht!" Die Stimme blieb hängen. Und die Augen blickten seltsam: Fünf Kinder daheim! "Ja. Eine - ganz - große - Freude!" Also schritt er von Bank zu Bank, jedem die Hand drückend - da wurden diejenigen Kameraden rot im Gesicht, die, der eigenen Armut wegen, an der Spende gar nicht beteiligt waren... gute Kameraden! Doch hatte das ewig lauernde Verhängnis auch diesmal nicht die Absicht, hinter der Hecke zu bleiben. Es meldete sich zuerst mit einem Klopfen an der Tür. Und es meldete sich ferner in der Gestalt des Kastellans, der, einen Zettel weisend, erschien: Der Herr Lehrer Andreas Pollinger möchte diese Verfügung des Schulrates zur Kenntnis nehmen und rechts unten unterschreiben! Unser Pollinger las. Unser Pollinger unterschrieb. Und als der Kastellan wieder draußen war, kam's stockend aus dem blassen Lehrer: "Jungens, ich darf den Printenkuchenmann nicht annehmen. Der Herr Schulrat hat's eben verboten. Es soll nicht mehr sein. Es ist eines beamteten Lehrers nicht würdig!" Wir scharrten. Wir rebellierten - aber Pollingers Stimme fuhr dazwischen: "Ihr habt zu gehorchen! Der Herr Schulrat hat's befohlen. Und der Herr Schulrat hat recht!" So verschwand der Printenmann von der Tafel, und der Lehrer teilte ihn auf. Jedem einen Happen. Fünfzigmal. Und wer da sagte, er sei mit keinem Groschen beteiligt gewesen, der bekam einen besonders dicken Happen. Und als sich einer meldete, er habe, der Laubsäge wegen, Verwendung für das Brett, gab Pollinger auch dieses noch her, obwohl er es gerne behalten hätte... Ich muß ehrlich sein: Viele von uns Zwölfjährigen weinten. Nur der Lehrer blieb stolz und ernst, auch gab es heute nicht mal halbe Fehler, es gab nur gute Noten ... Keiner von uns hatte den Mut, seinen Printenhappen zu essen. Nur als die Schulstunden dieses Morgens vorüber waren, rannten wir alle - wir alle, ohne Ausnahme - kreuz und quer durch die Stadt, um schneller in Pollingers Wohnung zu sein als der blasse Witwer selber. Da kam uns eine alte Aufwartefrau entgegen, und hinter der alten Aufwartefrau verkrochen sich fünf kleine Kinder! "Sind das dem Pollinger seine?" "Ja. Sind Pollinger seine!" Das Haus dröhnte vom Geschrei, als wir die fünfzig Printenhappen auf Tisch und Stuhl, auf Bank und Schrank legten, und auch das lange Brett stellten wir in eine Ecke. - Die alte Aufwartefrau schlug die Hände zusammen: "Aber was soll denn das?" "Nix. Der Herr Schulrat läßt fröhliche Weihnachten wünschen!" Es hatte bis dahin noch keinen Schnee gegeben. Als wir aber auf der Straße waren, hastig wie gejagte Hündchen, schneite es wunderbar und voller Festlichkeit! Vielleicht der - Lohn? Nach Neujahr war wieder Schule. Auf dem Stundenplan stand als erster Unterricht: Deutsch! - Und Pollinger ließ uns das Lied singen: "Wenn alle untreu werden!" Dann las er uns Eichendorffs Gedicht vom Frühling vor: "Bist nicht verarmt, bist nicht allein, umringt von Sang und Sonnenschein!"
|