|
Peter Rosegger Ein trüber Winterabend ist es gewesen. Die Fensterchen sind mit Moos vermauert. Draußen fallen frische Flocken auf alten Schnee. Der Holzknecht Berthold, der zum Wilderer geworden, wartet bei den Kindern und der kranken Frau, bis das älteste Mädchen, die Lili, mit der Milch heimkehrt, die sie bei nachbarlichen Bauern jenseits des Waldes erbetteln muß. Denn die Ziegen im Haus sind geschlachtet und verzehrt. Kommt Lili zurück, so will Berthold mit dem Stutzen in den Wald hinauf. Bei solchem Wetter sind die Rehe nicht weit zu suchen. Aber es wird dunkel, und Lili kehrt nicht zurück. Der Schneefall wird immer dichter und schwerer, die Nacht bricht herein. Je finsterer und stürmischer die Nacht wird, desto tiefer sinkt in Berthold der Hang zum Wildern, und desto höher steigt die Angst um seine Waldlilie. Es ist ein schwaches, zwölfjähriges Mädchen; es kennt zwar die Waldsteige und Abgründe, aber die Steige verdeckt der Schnee, den Abgrund die Finsternis. Endlich verläßt der Mann das Haus, um sein Kind zu suchen. Stundenlang irrt und ruft er in der sturmbewegten Wildnis. Seine ganze Kraft muß er anstrengen, um wieder zurück zur Hütte zu gelangen. Zwei Tage vergehen; der Schneefall hält an, die Hütte wird fast verschneit. Sie trösten sich überlaut, die Lili werde wohl beim Nachbarn sein. Diese Hoffnung wird zunichte am dritten Tag, als der Berthold nach stundenlangem Ringen im verschneiten Gelände den Hof zu erreichen vermag. Lili sei vor drei Tagen dagewesen und habe sich beizeiten mit dem Milchtopf auf den Heimweg gemacht. "So liegt meine Waldlilie im Schnee begraben", sagt Berthold. Dann geht er zu den andern Holzern und bittet, wie diesen Mann kein Mensch noch hat bitten sehen, daß man komme und ihm das tote Kind suchen helfe. Am Abend desselben Tages haben sie die Waldlilie gefunden. Abseits, in einer Waldschlucht, im finstern, wildverflochtenen Dickicht junger Fichten, durch das keine Schneeflocke zu dringen vermag und über dem Schneeflocken sich wölben und stauen, daß das junge Gestämme darunter ächzt: In diesem Dickicht, auf den dürren Fichtennadeln des Bodens, inmitten einer Rehfamilie von sechs Köpfen, ist die liebliche, blasse Waldlilie gesessen. Es ist ein wundersames Ereignis. Das Kind hat sich auf dem Rückweg in die Waldschlucht verirrt, und da es die Schneemassen nicht mehr hätte überwinden können, sich zur Rast unter das trockene Dickicht verkrochen. Und da ist es nicht lange allein geblieben. Kaum fangen ihm die Augen an zu sinken, da kommt ein Rudel von Rehen zu ihm herein, alte und junge. Sie schnuppern an dem Mädchen, sie blicken es mit milden Augen völlig verständig und mitleidig an, und sie fürchten sich gar nicht vor diesem Menschenwesen. Sie bleiben und lassen sich nieder und beäsen die Bäumchen, belecken einander und sind ganz zahm. Das Dickicht ist ihr Winterdaheim. Am andern Tag hat der Schnee alles eingehüllt. Waldlilie sitzt in der Finsternis, die nur durch einen Dämmerschein gemildert ist, und sie labt sich an der Milch, die sie den Ihren hat bringen wollen. Sie schmiegt sich an die guten Tiere, daß sie im Frost nicht ganz erstarrt. So vergehen die bösen Stunden des Verlorenseins. Und da sich die Waldlilie schon hingelegt hat zum Sterben, da fangen die Rehe plötzlich ganz seltsam zu schnuppern an und heben ihre Köpfe und spitzen die Ohren; und in wilden Sätzen durchbrechen sie das Dickicht und stieben mit gellendem Pfeifen davon. Jetzt arbeiten sich die Männer durch Schnee und Gesträuch herein und sehen mit lautem Jubel das Mädchen, und einer ruft: "Hab ich nicht gesagt: kommt mit herein, vielleicht ist sie bei den Rehen!" So hat es sich zugetragen. Und wie der Berthold gehört hat, die Tiere des Waldes hätten sein Kind gerettet, daß es nicht erfroren, da schreit er wie närrisch: "Nie mehr, mein Lebtag nimmermehr!" Und seinen Kugelstutzen, mit dem er seit manchem Jahr die Tiere des Waldes getötet, hat er an einem Stein zerschmettert. Ich habe es selber gesehen; denn ich bin dabeigewesen, um die Waldlilie suchen zu helfen.
|