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Weihnachten 1944 in den Ardennen

O. Huber

Mein Krieg ging an Heiligabend 1944 in einem kleinen Dorf an der luxemburgisch-belgischen Grenze zu Ende. Den ganzen Morgen dieses 24. Dezembers über tobte eine Panzerschlacht. Als sie gegen Mittag zu Ende ging, brannten fast alle Bauernhöfe lichterloh. Die Zivilisten waren vor dem heraufziehenden Drama und den wiedergekehrten Deutschen geflüchtet. Wir hatten uns schon am Abend zuvor zu viert in einem der verlassenen Häuser einquartiert. Unsere letzte Munition war verschossen, und nun wollten wir die Nacht abwarten und versuchen, uns durch die Linien der Amerikaner zu schlagen, die inzwischen den Ort mit ihren Panzern und der Infanterie eingeschlossen hatten. Auf dem Wohnzimmertisch hatten die Bewohner einen Kranz ihrer alliierten Freunde aufgesteckt, und die Camels und Chesterfields lagen noch im Gesims. Der Bauer hatte gerade ein Schwein geschlachtet, und so gab es eine warme Mahlzeit mit Wellfleisch und Wurstsuppe, die wir in einem grossen Kübel in der Küche fanden. Um Mitternacht brieten wir Koteletts; Köstlichkeiten - die letzten für lange Zeit.

Im Keller dieses Hauses erlebten wir anderntags das Ende. Wir saßen, aller anderen Mittel beraubt, unter einer Steppdecke aus dem Inventar des Hauses und harrten, umgeben von Kartoffeln, der Dinge. Plötzlich war draußen das Geräusch von genagelten Sohlen zu hören. Ich lugte unter der Decke hervor und sah amerikanische Fallschirmjägerstiefel, bekannt aus vielen Gefechten mit unseren Brüdern auf der anderen Seite. Dann ging alles ganz schnell. Zwei Handgranaten explodierten im Keller. Nur die Steppdecken hatten die Splitter aufgefangen. Mir schien es an der Zeit aufzugeben. Ich lief zur Kellertreppe, rief "Stop firing" und sah in amerikanische Gewehrläufe. "Hands up" war die bündige Antwort von oben, und so stiegen wir vier nacheinander mit erhobenen Händen die Kellertreppe hinauf. Es waren bange Sekunden. Doch sie schossen nicht. Um dreizehn Uhr zehn sah ich meine Armbanduhr zum letzten Mal. Sie ließen uns nur unsere Kleidung. Fotografien, Briefe und Wehrpaß lagen zerfetzt am Boden, der Rest verstreut umher. Wenn es den Soldaten zu langsam ging, halfen sie mit den Gewehrkolben nach. Dann nahmen uns vier von ihnen in die Mitte und brachten uns zur nahen Straße. Überall sah es so aus, wie es eben aussieht, wo der Krieg haltgemacht hat: Tote, Verwundete, zerstörte Häuser, brennende Fahrzeuge und Panzer. Dazwischen halfen Sanitäter und ein Feldgeistlicher, so gut sie konnten - beiden Seiten, wie ich feststellte. Verendete Tiere lagen auf der Straße; Schweine, Rinder und Kälber, vom Phosphor angesengt, wälzten sich am Boden.

An einer Kreuzung wurden wir in zwei Gruppen getrennt. Unsere beiden Bewacher sprachen Polnisch miteinander, als sie uns eine kurze Strasse entlang und dann in den Hof eines Gebäudes führten. Erst als sie uns befahlen, den Misthaufen des Schweinestalls zu besteigen und uns mit dem Gesicht zur Wand aufzustellen, verstanden wir trotz ihres und unseres schlechten Englisch, was sie vorhatten. Nun hatten wir alle Infernos dieses Krieges überstanden, am Ende lebend unsere Freiheit verloren und waren dem Tod plötzlich so nahe wie nie zuvor. Wir konnten nicht sehen, was sie taten, aber wir hörten, was sie vorhatten. Sie waren sich wohl noch nicht einig, der eine wollte, der andere schien zu zögern. So genau konnten wir das nicht ausmachen, standen wir doch immer noch mit dem Gesicht zur Wand. Wir wussten allerdings nur zu gut, welches Geräusch ein Gewehr macht, wenn es durchgeladen wird. Vielleicht dachten wir, wenn wir es zu erkennen glaubten, für den Bruchteil einer Sekunde auch daran, dass amerikanische Gewehre vielleicht anders funktionierten als unsere, bevor sie der Kugel freien Lauf lassen.

Hier auf dem Misthaufen in Bigonville beginnt meine zugedeckte Erinnerung an den Krieg, wieder virulent zu werden. Jede Einzelheit, jedes Geräusch, die versengten, umherlaufenden Schweine, die graue Wand vor mir, der Gestank um uns, alles ist seitdem an jedem Weihnachtsabend wieder gegenwärtig. Seit fünfzig Jahren ist das so, und ich denke, dass es dabei bleiben wird.

Dann hörten wir plötzlich Menschen im Hof. Eine energische amerikanische Stimme rief: "What are you doing there?" Wir sollten uns umdrehen und vom Misthaufen herabsteigen. Dieser Befehl duldete keinen Widerspruch, und so sprangen auch unsere beiden Bewacher zur Seite und gaben uns frei. Vor uns stand ein Offizier, die Pistole in der einen, eine Eierhandgranate in der anderen Hand. Er befahl uns und den beiden Bewachern, vor ihm her zu marschieren. Er traute ihnen wohl nicht mehr über den Weg und übernahm so unsere und ihre Bewachung. An der Kreuzung übergab er meinen Kameraden zusammen mit den beiden Bewachern einer großen Gruppe von Gefangenen und Soldaten und zog mit mir allein weiter. An einem zerschossenen Haus machte er halt und befahl mich in den Keller. Dort lag auf einer Decke ein Kind, daneben seine Mutter. Die junge Frau machte mir in wenigen Sätzen die Lage klar: Sie hatte, auf der Flucht vor dem Krieg, hier Quartier gefunden. Während der Schießerei hatten die Wehen vorzeitig eingesetzt, und so hatte sie ungewollt früh und unter den gegebenen Verhältnissen in der Nacht ihr Kind allein zur Welt gebracht. Das Kind, ein Mädchen, schrie ununterbrochen. So war der Oberleutnant beim Vorbeikommen wohl auf die beiden aufmerksam geworden und, so mußte es gewesen sein, hatte Ausschau nach jemandem gehalten, dem er in Englisch erklären konnte, was er wollte: "milk" für das Kind. Mit meinem Schulenglisch verstand ich wenigstens das Wort "milk", aber nun war guter Rat teuer. Woher "milk" kriegen. Die junge Mutter presste vergeblich an ihrer Brust. Das Inferno hatte sie ihr buchstäblich abgeschnürt. Kein Tropfen, auch als wir zu zweit und dann zu dritt pressten. Der Offizier hatte inzwischen die Handgranate wieder an den Gürtel zu den anderen gehängt. Die Pistole lag nach unseren gemeinsamen Bemühungen neben ihm.

Plötzlich hörte ich ein Rindvieh brüllen. Ich griff nach einem Eimer, der in der Nähe stand, und rannte nach oben. Mein Bewacher folgte mir. Wir überquerten die Strasse, und ich fand schliesslich den Stall, aus dem das Gebrüll kam. Dort stand eine wunderschöne, schwarzweiss gefleckte Kuh. Sie war noch angeschnallt, aber ihr war nichts passiert, nur dass sie wegen der Schießerei zwei Tage ungemolken im Stall hatte verbringen müssen. Ihre Euter waren prall gefüllt. Ich nahm einen Melkschemel, einen Eimer und all meinen Mut zusammen. Die ersten Milchtropfen sind mir unvergessen. Melken hatte ich in den Sommerferien beim Nachbarn mal geübt. Hier machte ich mein bäuerliches Gesellenstück. Es war gar nicht schwer, so empfand ich es damals. In der Not frisst der Teufel nicht nur Fliegen. Er - oder der liebe Gott - lässt auch melken.

Im Keller kochten wir beide die Milch ab, und ich stöberte eine alte, dreckige Milchflasche auf. Der Mann, der noch heute morgen mein Gegner gewesen war, und ich schauten dem "Festival of Milk" zu. Nur das Kind tat, was Kinder tun, wenn sie Durst haben. Es trank aus, was es bekam. Die Umstände waren ihm gleichgültig.

Was aus den beiden geworden ist, habe ich später nicht mehr recherchieren können. Der Bürgermeister konnte aus verständlichen Gründen in seinem Register weder für den 23. noch für den 24. Dezember 1944 die Geburt eines Mädchens ausfindig machen. Die junge Frau blieb bis heute verschollen. Auch Nachbarn von damals konnten mir bei der Suche nicht weiterhelfen. Sie waren erst nach einer Woche in ihre zerstörten Häuser zurückgekehrt. Vielleicht ist sie in den Kriegswirren umgekommen, allein oder zusammen mit ihrem Kind. Wer weiss. Den Keller habe ich vor zwei Jahren wiedergefunden. Alles durch einen Neubau zwar verändert, aber noch wiederzuerkennen. Darüber ein Restaurant. Diesmal haben wir dort Fisch gegessen. Den Milchshake auf der Speisekarte habe ich mir versagt.

Mein Oberleutnant brachte mich zur grossen Kreuzung zurück. Wo er geblieben ist, konnte ich nach 48 Jahren auch nicht mehr ausfindig machen. Dort hat der Krieg noch ein paar Wochen angehalten. Voriges Jahr schrieb mich ein Amerikaner an, der den vielen Büchern über die "Battle of the Bulge", wie sie die Schlacht um Bastogne nennen, ein weiteres hinzufügen wollte. Er bat mich um einen Beitrag. Ich aber wollte nicht mehr daran erinnert werden, und meine unglaubliche Geschichte war mir zu teuer, um sie einfach herzugeben.

Im nahen Arlon verbrachte ich die Nacht in einem Hundekäfig. Es war kalt, und wenn ich mich auf den Boden legen wollte, wurde ich von meinen Bewachern aufgescheucht. So waren meine 1,84 m bis zum Morgen gezwungen, gebückt zu verharren. Im nachbarlichen Zwinger kläfften die Hunde, als die Glocken gegen Mitternacht für die Stadt - und auch für ihre unfreiwilligen Gäste oder was immer wir angesichts dieser besonderen Umstände auch waren - Weihnachten einläuteten. Die vielen noch einmal Davongekommenen sangen das Lied von der stillen Nacht.

Seit damals rührt mich keine Weihnacht mehr an.