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Hermann Claudius Wenn der erste Schnee fiel - es ist mir gar nicht erinnerlich, daß kein Schnee gefallen sein könnte -, fing mein Vater vom Weihnachtsabend an zu munkeln. Er machte dabei eine geheimnisvolle Miene, als ob irgend etwas dazwischentreten könne, und die ganze Herrlichkeit wäre aus und vorbei. Wir vier Jungen von drei bis dreizehn Jahren wußten das schon lange und lagen richtig auf der Lauer. Und eines Abends bei der Heimkehr des Vaters ging es wirklich los. Der Vater sagte mit gutgespielter Trübseligkeit: "Kinder, es ist nichts dabei zu ändern. Der Kaiser hat es verboten. Es gibt keinen Tannenbaum." Der brennende Tannenbaum war recht eigentlich des Vaters Weihnachtsabend. Er saß dann stumm in seinen Stuhl zurückgelehnt mit angelegtem Kopf und sah mit weitoffenen Augen in den Lichterbaum hinein, und Lächeln und Ernst wellten über sein furchiges Gesicht - ja - auch wohl eine verstohlene Träne. Er war im allerinnersten Herzen dann wieder Kind im elterlichen Hause zu Sahms im Herzogtum Lauenburg hinter Schwarzenbeck - ja, er war allerinnerst Kindheit seines deutschen Volkes, das dem Lichtbaum um Sonnenwend gläubig entgegensah. Und nun hatte der Kaiser ihn verboten. Wir vier Jungen - nein, wir drei ältesten - taten, als glaubten wir es wirklich und kriegten schließlich den Vater so weit, einen Bittbrief an den Kaiser zu schreiben (es war in meines Vaters Gedanken immer noch der alte Kaiser Wilhelm I.), der Kaiser möge das Verbot zurückziehen. Danach gingen einige sonderliche Tage hin. Wir Jungen lächelten einander heimlich und ein wenig listig an. Dann kam der Vater eines Abends triumphierend nach Hause mit der Nachricht, der Kaiser habe es gnädigst erlaubt. Wir fragten nicht weiter nach dem kaiserlichen Brief, um den der Vater sehr geheimnisvoll tat. Wir wußten doch nur zu gut, daß gar kein Brief gegangen und keiner gekommen war. Und auch der Vater mochte wissen, daß wir alle miteinander nur Verkappung spielten. Aber das tat der Freude keinen Abbruch. Nein, das machte sie erst. Und dann raschelte es eines Abends, und wir durften durchs Schlüsselloch in die beste Stube blicken. Nur einen kurzen Augenblick, sonst würden wir blind, sagte der Vater. Ja, dann war der Baum auf einmal da, und keiner von uns hatte je gesehen, wie er in die Wohnung gekommen wäre. Danach, am Vorabend des 24. Dezember, saßen der Vater und die Mutter allein und putzten den Baum auf. Ich weiß mir nichts Schöneres und Seligeres aus meiner Kindheit, als jene Vorabende um Weihnachten, wenn wir zu Bett lagen, wach lagen und horchten, wie nebenan die Eltern saßen und den Baum herrichteten - und wenn der Vater ab und an mit der Goldpapierfahne raschelte, die oben in der Spitze des Baumes prangte, oder ganz vorsichtig eines der kleinen Silberglöckchen klingen ließ, die schon am Weihnachtsbaum des Sahmser Elternhauses geläutet hatten. Draußen fiel der Schnee. Ja, draußen fiel der Schnee in der dunklen Nacht lautlos und feierlich. Und wenn er nicht wirklich fiel, so war es doch in unserer Einbildung so. Und wie der Schnee langsam niedersank, so sank auch eine süße, singende Müdigkeit über uns immer noch heimlich Horchende in der stillen Schlafkammer, bis wir, Weihnachtslieder auf den Lippen und Weihnachtswünsche im Herzen, endlich selig einschliefen und im Traum alle Bescherung vorwegnahmen. Ja: die Bescherung! Sie war sicher sehr bescheiden in jenen Jahren der elterlichen Not und Enge. Aber die Herzensheimlichkeit, die um alles war, ließ kein weihnachtlich Ding gering sein. Und ich war sehr traurig, als ich mit meinem vierzehnten Jahre als "groß" galt und zum erstenmal den Baum mit aufputzen durfte. Der Vater vergoldete die Nüsse, ich bebänderte die Kringel, und die Mutter hing sie in den Baum. Ich machte es sehr ordentlich und bekam auch einen Schluck vom dunkelroten Portwein, den die Eltern tranken. Aber ich war doch eigentlich traurig und beneidete meine drei jüngeren Brüder nebenan in der Schlafkammer. Mein Vater merkte es wohl. Er sagte plötzlich: "So, Junge, scher dich zu Bett! Die Lichter stecken wir allein hinein. Gute Nacht!" |