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Wüstenweihnachten

James Krüss

Es war am Rand der Sahara am 24. Dezember. Ich wohnte bei einer spanischen Familie, die einen kleinen Mittagstisch für Senegalesen, Spanier und Franzosen betrieb. Der Tag war heiß gewesen; aber am Abend wurde es kühl, und ein Wind kam auf.

Die Mauren, die vor den Nachbarhäusern im Sand saßen, hatten ihre baumwollenen blauen Haiks mit den weißen aus Schafwolle vertauscht. Der lange kahle Nubier - ebenfalls im wehenden weißen Haik - holte am Strick geduldig Eimer um Eimer aus der Tiefe des Wasserlochs herauf und füllte die tönernen Krüge, die ihm die maurischen Kinder hinhielten.

In Europa, dachte ich, wo jetzt die Tage kurz und die Nächte lang sind und wo man in geheizten Häusern wohnt, feiern sie heute Weihnachten. Das ist ein schönes Fest für kalte Länder mit langen Nächten. Hier, wo das Licht über dem Sand in der Hitze flimmert und wo es abends den Horizont rosa und lila färbt, hier, wo es keinen Winter gibt, braucht man kein Weihnachtsfest. Auch die Spanier, dachte ich, werden das Fest nicht feiern, da ja ihr Gabentag das Fest der Heiligen Drei Könige ist. Und die beiden senegalesischen Kellner, überlegte ich weiter, sind keine Christen, also werden auch sie den Geburtstag des Christkinds nicht feiern.

Das war mir recht; denn lichterbesteckte Tannenbäume passen so wenig in die Wüste wie ein Kamel in den Bayerischen Wald.

Aber dann, als ich im kühlen Haus mit dem Fliesenmacher Armando Domino spielte, fiel mir ein Flüstern und ein Kichern hinter vorgehaltenen Händen auf, teils in der Tür zur Küche, teils hinter der Theke. Ich sah, wie der Sohn des Hauses einen Plattenspieler brachte. Um Himmels willen, dachte ich, man wird doch nicht meinetwegen mitten in der Wüste dieses Lied von der stillen und heiligen Nacht spielen, das mir immer wie dicker Sirup die Gedanken verklebt? Aber das Tuscheln ließ nicht nach. Geheimnisvolle Päckchen wurden in die Küche getragen, und dann erschien Brahim, der maurische Elektriker, mit einem Karton voll bunter Glühlämpchen.

Mir wurde immer mulmiger zumute. Ich brach das Dominospiel mit Armando einfach ab und sagte, ich müsse rasch nach Mauretanien hinüberfahren, um noch etwas zu besorgen.

Tatsächlich fuhr ich mit dem alten Antonio, der schon seine sechs oder sieben Glas weißen Rums getrunken hatte, über die Grenze.
"Was wollen Sie in Mauretanien, Senor?" fragte Antonio unterwegs mit schwerer Zunge.
"Geschenke kaufen. Anscheinend will man Weihnachten feiern."
"Geschenke, Senor? Zu Weihnachten? Was ist das für eine neue Sitte?"
"Eine Sitte aus Nordeuropa, Antonio. Man feiert an diesem Tag auch das wiederkehrende Licht."
"Dann ist es wohl ein Fest der Heiden?"
"So halb und halb, Antonio."
"Die Welt wird immer verrückter" , brummte der Alte. Dann schwieg er, bis wir zum Supermarkt in Noadibov kamen, vor dem die senegalesischen Händler in ihren langen Gewändern wie üblich Holzplastiken von der Elfenbeinküste anboten.
"Ich bin an der Bar, Sefior", sagte Antonio, als ich ausgestiegen war.
"Ist gut, Antonio."
Bevor ich den übersauberen Supermarkt betrat, der sich so sehr von dem fliegenwimmelnden offenen Markt im anderen Teil des Ortes unterscheidet, suchte ich mit den Augen den lustigen Jean aus Dakar, mit dem ich seit Tagen um eine Holzplastik feilschte.

Jean war da, lachend wie immer. Die Zähne im dunklen Gesicht waren eine Kokosnußscheibe. Aber die Plastik war weg.
"Wo ist meine Holzplastik, Jean?"
Er grinste so breit, daß die Augen über der Oberlippe zu stehen schienen : "Verkauft, Monsieur."

Das war ein Schlag: Ich hatte die Plastik bereits für mein Eigentum gehalten. Die Stelle im Haus, an der sie stehen sollte, hatte ich schon ausgesucht. Es war eine Frau auf einem Schemel gewesen, die an kräftigen Brüsten ihr Kind säugt, eine Art afrikanische Maria mit Kind. Auf dem Kopf hatte sie ein Gefäß getragen. Und auf dem Deckel des Gefäßes hatte ein Affe gehockt, der eine Banane knabberte. Nun war die Plastik verkauft.

Ich war so traurig und zornig, daß ich die Geschenke nur mit halber Aufmerksamkeit kaufte: eine Dose Gänseleberpastete, eine schwarze Gummipuppe mit Schleife, französische Bonbons, Schweizer Schokolade, ein Kamel aus Kupfer - als Feuerzeug zu benutzen -, Zigarren, Wein und eine teure Flasche Champagner. Als ich vollbeladen wieder ins Auto stieg, holte Jean unaufgefordert den alten Antonio aus der Bar und wünschte mir, fröhlich grinsend, auf französisch frohe Weihnachten. Ich knurrte nur: "Merci." Dann fuhr ich verstimmt zurück zu der kleinen Häuserzeile mitten im Sand, vor der der lange Nubier noch immer oder schon wieder Wasser aus dem Boden holte. Als ich Antonio statt des üblichen Trinkgelds ein Kästchen Zigarren gab, sagte er: "Diese Heidenfeste aus dem Norden scheinen auch ihr Gutes zu haben. Fröhliche Weihnachten, Senor."
"Fröhliche Weihnachten, Antonio."

Gegen Mitternacht versuchte man dann tatsächlich, eigens für mich ein bißchen Weihnachten zu spielen. Ein kleiner künstlicher Tannenbaum mit bunten Glühlämpchen war da. Man hatte ein Huhn geschlachtet und gebraten, und ich mußte die anscheinend unvermeidliche stille und heilige Nacht über mich ergehen lassen. Dann beschenkte man sich gegenseitig. Man hatte den Gabentag einfach vorverlegt. Jeder bekam sein Teil, auch von mir. Ich selbst aber wurde immer wieder mit freundlichem Grinsen umgangen, bis schließlich die Gaben vergeben waren außer einem unförmigen Paket, das auf der Bartheke lag.

"Das ist für dich, von uns allen zusammen", sagte der jüngste Sohn des Hauses zu mir. "Dreh dich um. Ich pack' es für dich aus."

Ich stand auf, drehte mich brav um und konnte kein Wort mehr verstehen, weil das Papier, das der Kleine einfach zerriß, so knisternd lärmte. Ich muß wohl auch überhört haben, daß man mich anrief; denn Muhammed, der Nachbar, der in der Tür stand, machte mir plötzlich ein Zeichen, das zu bedeuten schien: "Umdrehen, Senor." Ich drehte mich wieder um, und nun wußte ich, warum mich alle so merkwürdig wohlwollend angegrinst hatten, erst Jean in Noadibov und dann die Leute in der kleinen Wüstenkneipe: Auf der Theke stand die Holzplastik von der Elfenbeinküste. Da saß auf ihrem Schemelchen die ebenholzschwarze Mutter, auf ihren Knien das Kind, auf den aufgetürmten Haaren das Gefäß, das rings mit Tieren beschnitzt war, und auf dem Deckel des Gefäßes der hockende Affe, der eine Banane knabberte.

Das wurde eine laute und gar nicht heilige, wunderschöne Nacht.